Das Tier    

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Linke Hand und Rechte Hand
mit Roland Seidel, Text: Fouad Asfour

After the Butcher
Berlin

23.2. – 15.3.08

 

In der Ausstellung „Linke Hand und Rechte Hand“ werden Malereien, Grafiken, Kleinplastiken sowie ein motorbetriebenes Mobile (Nordsee) von Katrin Plavcak und Roland Seidel gezeigt. Beide haben zwar an der Akademie der bildenden Künste in Wien abgeschlossen, doch an der Spree kreuzen sich ihre Wege zum ersten Mal. Beide sind in der Malerei zu Hause. Neben vielen Ausstellungen ist ihre künstlerische Laufbahn geprägt von zahlreichen Initiativen entlang der Ränder des Kunstbetriebs. Ein Umstand, der von einer grundlegenden und intensiven Auseinandersetzung mit visuellen Medien zeugt und unter Beweis stellt, dass die Grenze der Anforderung an sich selbst und das Abgebildete unablässig erweiterbar ist.

Die in der Ausstellung „Linke Hand und Rechte Hand“ gezeigten Arbeiten bedienen sich ungeniert aus dem visuellen Fundus des Bekannten und Unbekannten, und machen auch davor nicht Halt, sich aus der Gestimmtheit ihrer BetrachterInnen zu nähren. Gegensätzliche figurative und abstrakte Elemente reichen sich die Hand oder stehen sich kritisch gegenüber.

Katrin Plavcaks Malerei „Leutchen links, Leutchen rechts“ bringt die Grundlagen sozialen Austauschs auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Im Zentrum des Bildes steht ein Streit – links im Bild ist Dennis Farina aus dem Film „That Old Feeling“ zu sehen, umringt und angefeuert von einer Reihe von Männern, darunter Helmut Qualtinger, ein Kolumnist der österreichischen Kronen Zeitung, Beavis, der italienische Ölmagnat GianMarco Moratti, ein oppositioneller Abgeordneter aus dem ägyptischen Parlament, der ehemalige DDR Spionagechef Markus Wolf sowie Lee J. Cobb in einer Kampfszene mit Marlon Brando aus dem Film „Die Faust im Nacken“. Rechts im Bild dann Bette Midler umringt von Shirley Stoler („The honeymoon killers“), Letizia Moratti, der Sopranistin Astrid Varnay in der Rolle als Brünnhilde, der im Oktober 2006 ermordeten russischen Journalistin und Aktivistin für Menschenrechte, Anna Politkowskaja, und der unter einer Burka versteckten Choreografin aus Hanoi, Ea Sola, die Greisinnen den Vietnamkrieg tanzen ließ. Der Titel des Bildes bezieht sich auf eine Aussage Lester Youngs, der die Hände eines Pianisten immer als „Leutchen links und Leutchen rechts“ bezeichnet haben soll.

Katrin Plavcaks Malereien sind nicht Bilder von etwas, sondern Bilder, die zu etwas führen. Während die Betrachter im Sehen sich eine Realität zu bilden meinen, weist ihre Malerei sie auf sich selbst zurück. Ihre Arbeiten werfen Fragen auf: „Sind Emotionen ein Wahrnehmungsorgan, so wie Hören, Sehen, Riechen, Tasten? Oder eher wie ein Kommentar?“, „Hört man etwas beim Lesen, was fühlt man beim Riechen, wie wie schmeckt das Anschauen von Bildern?“, und „Entfaltet sich cross modal perception durch Erfahrung, kann die an- und abgestellt werden wie mit der loudness Taste beim Verstärker?“
Wie bei Traumbildern ist es nicht nur die „Bibliothek Des Bereits Gesehenen“, die vor einem da abläuft, sondern vielmehr entsteht etwas ganz Neues, nämlich dadurch, dass die Bilder erst durch Gefühle der Betrachter zu den Bildern werden, die sie sehen, und sicher auch durch Erzählungen. Gefühle wirken wie Bildunterschriften, Erzählungen geben einen Kontext und rufen das nächste Bild hervor. Jeder Text kann eine Vielzahl von Bildern aufwerfen. Plavcaks Arbeit liegt genau zwischen dieser Bewegung und dem, was sich dem Auge bietet, sie arbeitet nicht mit Acryl sondern mit dem Gefühl, das dazu führt ein Bild hervorzurufen.

Roland Seidel illustriert die Urkriterien von Evolution und Familie anhand von axiomatischen Arbeiten wie „Biermann und Weinfrau" und hinterfragt dabei auch Konzepte wie Vorteil oder Nachteil, Altruismus oder Ehe. Im Spannungsfeld der Ausstellung richtet sich einer Seance gleich das Begehren nach dem Jenseitigen im Kontakt mit dem Metaphysischem aus, und spiegelt dieses unerfüllbare Streben in einem Kaleidoskop populärkultureller und phantastischer Gestalten wieder, wenn da Seidels Arbeit eine Szene aus dem 1973 gedrehten Film „Der Exorzist“ zitiert, vis à vis zu Plavcaks Arbeit „Fieser Strudel“ in der ein Werwolf ein schwarzes Loch beobachtet. Kulturen und Heroen werden auf dem Altar dieser panoptischen Arbeiten in einer endlos sich wiederholenden Geste dargebracht, zerlegt und neu zusammengesetzt, um sich in einer Momentaufnahme des gleichzeitigen Innens wie Aussens zu verdichten.

In der Umkehrung der Frage nach der Möglichkeit eines Aufenthaltsortes werden Kleinplastiken auf Stellagen gezeigt, wobei auch nicht vor Kalauern zurückgeschreckt wird.
Karl Lagerfeld versucht sich unter die „Leutchen“ zu mischen und Zahnbürsten wohnen einem Händedruck der anderen Art bei, flankiert von einer Hornhauttransplantation.
Seidels „Nature Morte“, das urverwandte und intrinsisch miteinander verbundene Elemente enthält, wie eine goldene Gipshand (2.Gattung, 2.Art), die ihren für die Ausstellung gewachsenen Bart als Reliquie enthält, eine kaputte Gitarre samt Marcel Proust als Anhängsel und Margaret Thatchers Reisepass, laden zum Stelldichein.
Die vom Satiremagazin Titanic gestellte Frage “Where ist the brain of Ulrike Meinhof“ ist Namensgeber einer kleineren Arbeit, das Ensemble wird durch Potemkins Panzerkreuzer, einem Fahnenaustausch zwischen dem Libanon und Israel, einem ornothologischen Ordnungssystem sowie einem sich nähernden Zyklon komplettiert.

Die künstlerische Praxis Roland Seidels nimmt ihre Aufgabe wörtlich und unterzieht künstlerische Techniken einem Belastungstest. Den Schaffensprozess im Mittelpunkt setzt Seidel zu Attacken auf künstlerische Formate und Praktiken an, übersetzt im Flug Filmgeschichte in Holzschnitt, Populärkultur in Assemblagen und scheut auch nicht vor der Verwendung des visuellen Fundus des weltweiten Netzes in seiner Arbeit zurück. Dabei beweist Seidel immer kunsthistorisch geschultes Augenmaß. Eine Ausstellung ist in dem künstlerischen Koordinatenfeld des gebürtigen Augsburgers mehr als nur die Präsentation von Kunstwerken; es ist eine Performance, Sehtest, und Sprung ins Leere zugleich.

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